Sein Tod lauert schon hinter der Säule...

Aktualisiert: 12. Juli

(Artikel aus der "Zuger Zeitung" vom 29. Januar 2022 von Andreas Faessler)

Die Katholische Kirchgemeinde Zug verfügt über ein vielfältiges, auf repräsentative Weise die vergangenen Jahrhunderte abbildendes mobiles Kulturgut. Dass zahlreiche Kunstgegenstände heute im Depot lagern und nicht mehr für die Öffentlichkeit sichtbar sind, liegt in der «Natur» der Sache: Die Liturgie hat sich geändert, Kirchenräume sind erneuert oder neu erbaut worden, der persönlich praktizierte Glaube hat sich gewandelt, personifizierte Erinnerungsstücke kirchlicher Personen haben inhaltlich keine Bedeutung mehr – etwa weil die Adressatin oder der Adressat längst aus dem Gedächtnis der jüngeren Generationen verschwunden ist. Im Archiv der Kirchgemeinde findet sich ein Gemälde – eines unter sehr vielen –, welches eine solche Person zeigt, von der heute kaum mehr jemand Kenntnis hat. Aber das Motiv sowie die Hintergründe dazu sind besonders, zumal es sich nicht – wie in den meisten Fällen – um ein herkömmliches Porträt handelt. Zu sehen ist ein Geistlicher. Er trägt Talar, Chorrock und Stola, hält in seinen auf der Brust liegenden Händen einen Rosenkranz. In demütiger Haltung kniet er auf einer Altarstufe und blickt hoch zu einer Monstranz mit dem Allerheiligsten.


Der innig Betende ist Georg Johann Signer aus Menzingen. Das ursprünglich aus dem Appenzellischen stammende Geschlecht der Signer ist im 15. Jahrhundert erstmals im Kanton Zug – in Finstersee – nachweisbar. Von den Menzinger Signer besetzten einzelne Protagonisten wichtige Ämter. So auch Georg Johanns Vater Adam, welcher als Einsiedler Stiftsammann und später als zugerischer Landschreiber Ansehen genoss. Der 1631 geborene Sohn Georg Johann schien sich von Anfang an für eine kirchliche Laufbahn entschieden zu haben. Er studierte am Jesuitenkolleg in Solothurn, danach weilte er von 1650 bis 1654 in Mailand, kehrte nach Menzingen zurück und las hier als frisch geweihter Priester seine erste Messe.


In Menzingen war er zwei Jahre Kaplan, ehe er 1656 für sechs Jahre nach Frauenfeld ging und die dortige Pfarrei betreute. 1662 wurde Signer zum Stadtpfarrer von Zug gewählt. Allerdings ist überliefert, dass er seine Wahl nur annehmen wollte, wenn ihm in Zug ein besserer Pfarrhof zur Verfügung gestellt werde. Seinem Wunsch nach mehr Komfort soll entsprochen worden sein, indem man das ehemalige Wohnhaus vom gerade erst verstorbenen Landesfähnrich Hans Speck zum neuen Pfarrhaus umfunktionierte. Sein hohes Amt in Zug trat Signer am 14. April 1663 an, gemäss Aufzeichnungen des Chronisten Jakob Billeter mit «grossem Pomp und Pracht».


Signer, bereits mit einem umfangreichen Erfahrungsschatz als Geistlicher gesegnet, soll ein sehr tüchtiger und willensstarker Kirchenmann gewesen sein, der seine Aufgaben sehr ernst nahm. Er setzte die Beschlüsse des Konzils von Trient sowohl bei der Geistlichkeit wie auch bei der Bevölkerung um. Doch sollte Stadtpfarrer Signers Amt in Zug frühzeitig ein Ende finden: Im 43. Altersjahr erkrankte er schwer an Lungenschwindsucht, welcher er am 5. Juni 1675 erlag.


Unser Gemälde – Öl auf Leinwand – mit dem betenden Stadtpfarrer Georg Johann Signer zeigt ihn kurz vor seinem Tod. Dieser nämlich lugt im Hintergrund als Knochenmann hinter einer Säule hervor – er ist im Begriffe, den Todkranken abzuholen. Auf einer der Altarstufen ist eine Inschrift angebracht. Sie lässt sich laut Inventartext der Katholischen Kirchgemeinde Zug als «C. W. Muoß. 1676. Pinx.» entziffern. Demnach stammt das Gemälde vom Zuger Maler Kaspar Wolfgang Muos (1654–1728). Eine weitere Inschrift darüber benennt den Abgebildeten als «R. D. Georg SignerDoct. Theol./ Prot. Apost. Paroch. Zug. Aetat. 45.» – also im Alter von 45 Jahren. Da das Gemälde offenbar 1676 gemalt worden ist, Signer aber den Aufzeichnungen zufolge bereits im Jahr zuvor im Alter von 44 gestorben war, handelt es sich somit um ein posthumes Porträt – und Maler Muos hat sich verrechnet, es sei denn, er hat nicht das Alters- sondern das Lebensjahr gemeint.


Ein alter Text auf der Gemälderückseite sowie der Eintrag zu Pfarrer Signer im Verzeichnis «Tugium Sacrum» sagen jedoch etwas anderes aus: Sie lauten dahingehend, dass das Bildnis kurz vor Signers Tod entstanden sei. Träfe dies zu, so wäre anzunehmen, dass der Schwerkranke sein baldiges Dahinscheiden vorausgeahnt hatte und sich von Muos deshalb zusammen mit dem Tod hat malen lassen. Mit was diese Diskrepanz zwischen der neuzeitlichen Beschreibung des Gemäldes und den Angaben in den älteren Aufzeichnungen zu erklären ist, bleibt offen.


Ob es nun eine Darstellung von Signers eigener Todesahnung oder eine posthume Reminiszenz an den Stadtpfarrer ist – was das Gemälde weiter interessant macht: Auf der Altarmensa steht der aussergewöhnliche Tabernakel, welcher 1667 vom Baarer Franz Schumacher angefertigt und von Pfarrhelfer Bartholomäus Keiser (1599–1670) der Kirche St.Oswald gestiftet worden ist. Somit wissen wir denn auch, dass Pfarrer Signer hier vor dem 1866 demontierten barocken Hochaltar der Oswaldkirche kniet. Der Tabernakel ist in seiner Art insofern einzigartig, als er aus Schildpatt besteht und somit selten und besonders kostbar ist. Er ist heute als Exponat der Dauerausstellung im Museum Burg Zug zu sehen.


Das Gemälde selbst hat insbesondere zeitgeschichtlichen und ideellen Wert, zumal die Malerei an noch eher laienhafte Fertigkeiten erinnert, zu rudimentär sind der Porträtierte und auch die Altarpartie ausgeformt. Es erinnert ein wenig an die folkloristische Malerei, welche sich unter anderem in Votivtafeln jener Zeit finden lässt. Aber das mag der Tatsache geschuldet sein, dass der Maler Muos zum Entstehungszeitpunkt des Gemäldes noch an den Anfängen seiner Karriere stand – er war damals erst 22 Jahre alt.

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