Wahres Mutterglück

Aktualisiert: Okt 19


Franz Russ – Junge Mutter mit Kind, Ölgemälde auf Leinwand
Franz Russ – Mutter mit Kind

Er ist sowas wie die grosse Unbekannte der österreichischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Man begegnet dem Namen Franz Russ Senior nicht selten, beobachtet man den Kunstmarkt. Seine gelegentlich gehandelten Werke gehen in namhaften Auktionshäusern über den Tisch, Kunstkenner mit einem Auge für Qualität wissen die Gemälde des Malers zu schätzen. Wer aber war dieser gebürtige Böhmer, der hauptsächlich in der Kaiserstadt lebte und wirkte?


Geboren am 7. Mai 1817 in Nová Ves (Neudorf) in Böhmen scheint Franz Russ später nach Wien übersiedelt zu sein, heiratete 1849 eine Maria Anna Philipp und verstarb in der Kaiserstadt am 27. Juli 1892. Seine beiden Söhne Robert Andreas und Franz Seraph waren ebenfalls Maler. Franz Russ Vaters letzter Wohnsitz lag an der Münzgasse 3 im Bezirk Landstrasse. Franz Russ I. Werk zu erfassen, ist derzeit sehr schwierig. Vermutlich befinden sich die meisten seiner Gemälde verstreut in Privatbesitz oder Archiven. Er schien namhafte Aufträge erhalten zu haben, zumal sich unter den wenigen bekannten Werken von ihm museale Porträts von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph I. finden sowie mehrere Kinderporträts, vermutlich von aristokratischen Wiener Familien.


Franz Russ‘ Malerei ist grundsätzlich von ungemeiner Klarheit und Leuchtkraft. Seine ausdrucksstarken Porträts sind so fein und akribisch ausgeführt, dass sie sich fast der Fotorealität annähern. Ein wiederkehrendes Motiv in Franz Russ‘ Oeuvre ist dasjenige von Mutter und Kind. Findet man unter seinen bekannten Gemälden somit wiederholt auch das religiöse Sujet der Muttergottes mit dem Jesusknaben – einige davon im Nazarenerstil -, so malt Franz Russ auch mehrfach Mutter mit Kind im weltlichen Kontext.


Zu dieser Werkgruppe gehört das hier vorgestellte signierte Gemälde (Öl auf Leinwand), welches allein wegen seiner überaus opulenten und ausserordentlich qualitätvollen Ausführung vermutlich zu den Hauptwerken des Meisters gezählt werden kann. Allein der Hintergrund verdient grosse Beachtung. Es ist eine dynamische Blätterkulisse mit beeindruckender Tiefenwirkung durch gezielten Lichteinfall. Davor sitzt die junge Mutter mit aufwendiger Hochsteckfisur und Fransen, ähnlich wie sie Kaiserin Elisabeth zu haben pflegte. Sie trägt eine feine goldene Doppelperlenkette, ein aufwendiges, dem Anschein nach ausladendes Schulterkleid mit Spitzensaum und karminrotem Rock. Zärtlich und mit liebevollem Blick hält sie ihr blond gelocktes Kind in den Armen. Es ist agil und spielt mit gepfückten Blumen. Das Licht fällt auf das Kind, das Gesicht der Mutter ist bereits leicht in den schattigeren Bereich gerückt.


Die hochqualitätvolle Malerei ist sehr fein, teils lasierend, Mutter und Kind erhalten eine samtweiche helle Haut. Man ist zur Spekulation verleitet, ob Franz Russ hier womöglich Kaiserin Elisabeth in privatem Umfeld mit ihrem Sohn Rudolf portärtiert hat.

Leben und Werk von Franz Russ d.Ä. eingehend zu erforschen, wäre zweifelsohne eine hochspannende und lohnende Aufgabe für Kunsthistoriker. Damit könnte möglicherweise eine grosse Lücke in der Geschichte der österreichischen Malerei gefüllt werden.

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