Harte Strafe für hehre Absichten

Aktualisiert: 18. Mai

(Artikel aus der "Zuger Zeitung" vom 2. Mai 2018 von Andreas Faessler)

An den Decken der barocken und klassizistischen Pfarr-, Kloster- und Landkirchen der Zentralschweiz hat sich so manch namhafter Künstler mit hochka- rätiger Malerei verewigt. Verbreitet sind wichtige biblische Schlüs- selszenen – viele davon aus dem Leben Jesu oder Mariens. Und dann gibt es Darstellungen, die aus der Vielzahl an Szenen deutlich herausstechen, schlicht aus dem Grunde, weil sie ihresgleichen suchen – sprich, wenn es sich um Motive handelt, die in kirchlichen Bildprogrammen sehr selten anzutreffen sind. Und wenn sie dann noch von berühmter Hand stammen und somit mit überzeugender Qualität punkten, dann haben sie erst recht besondere Beachtung verdient.


Die Pfarrkirche zum Hl. Johannes dem Täufer in Menzingen ZG birgt eine wahre Preziose dieser Art. Allein der Name des Urhebers lässt aufhorchen: Joseph Keller – er schuf die Menzinger Deckenfresken im Jahre 1793. Der bekannte Allgäuer Kirchenmaler zeichnet nicht nur für eine Vielzahl an Werken in seiner Heimat verantwortlich, auch aus der Schweiz erhielt er mehrere sakrale, aber auch profane Aufträge. Unter anderem in Luzern, Meg- gen, Beckenried, Rüstenschwil, Cham oder Oberägeri. Die Ausmalung der Menzinger Pfarrkirche war einer der grösseren Aufträge für den Allgäuer. Die erwähnte Besonderheit innerhalb dieser Werkreihe erblicken wir im hinteren Teil des tonnengewölbten Kirchenschiffes über der Brüstung der Orgelempore. Das rechteckige Fresko zeigt eine Szene aus dem Alten Testament: Usa stirbt beim Transport der Bundeslade nach Jerusalem. Was genau und wie es sich zugetragen hat, ist im 2. Buch Samuel und im 1. Buch der Chronik beschrieben.


Die Bundeslade ist eine sagenumwobene Truhe, in welcher gemäss biblischer Darstellung die Zehn Gebote Moses aufbewahrt sind; das Kultrelikt verbildlicht die Gegenwart Gottes inmitten der Menschen – sie ist sein irdischer Thron. Die Beschaffenheit der für das biblische Volk unermesslich wertvollen Bundeslade wird im Buch Exodus genau beschrieben. Der Umgang mit dem Heiligtum ist an strenge, genau definierte Vorschriften gebunden – nur würdige Auserwählte und Hohepriester durften mit der Bundeslade in Kontakt kommen. Jede unbefugte Berührung soll gemäss Legende zum sofortigen Tod des Fehlbaren führen. Das Alte Testament berichtet, wie die Bundeslade vorerst im Mischkan, einem mobilen Zelttempel, aufbewahrt wird. Schliesslich will König David die Bundeslade auf den Berg Zion bei Jerusalem überführen lassen. Der Transport des Schreins wird unter anderem von Usa und Achio begleitet, zwei Brüder des Stammes der Leviten. Sie haben den Auftrag, die Ochsen anzutreiben, die den Wagen mit der Bundeslade ziehen.


Im umwegsamen Gelände gerät der Wagen plötzlich ins Wanken, worauf das Heiligtum von der Ladefläche zu rutschen droht. Reflexartig streckt Usa seine Arme aus, um die Truhe am Herunterfallen zu hindern. Da er selbst jedoch als Unwürdiger gilt und durch das Berühren der Lade gegen Gottes Gesetz verstossen hat, trifft ihn sofort der göttliche Zorn – Usa fällt tot um. Genau diesen Moment hat Joseph Keller in seinem Fresko festgehalten. Usa liegt leblos am Boden, König David blickt mit entsetztem Gesicht zum Himmel, und der Soldat links im Bild schaut ratlos auf den Entseelten.


Mit kräftigen, aber nicht leuchtenden Farbtönen gemalt, steht Kellers Fresko von Usas Tod in Stil und Komposition näher zum Klassizismus denn zum Barock, da er auf betont drama- tische Stilmittel verzichtet. Was das Fresko so besonders macht, ist nicht nur die Tatsache, dass diese von Keller gemalte Szene in solcher Grösse ausgesprochen selten in Kirchen anzutreffen ist. Genauso wirft das Abgebildete, respektive die Geschichte dahinter eine Glaubensfrage auf: Warum bestraft Gott einen unbescholtenen Menschen so grausam, der mit guter Absicht das Richtige tun wollte? Aus alttestamentlicher Sicht war Usa gegenüber dem Allmächtigen schlicht und ergreifend ungehorsam, indem er das göttliche Gesetz verletzt hat. Hier greift auch die gute Absicht nicht, denn dem Willen Gottes hat sich der Mensch kompromisslos zu beugen. Dies hatte sich ja bereits im Garten Eden gezeigt, als Adam und Eva nach ihrem Zuwiderhandeln von Gott aus dem Paradies verbannt wurden. Der Aufgeklärte hingegen mag bei der Frage nach dem Gottesbild in Zwiespalt geraten, indem er nach dem Grund sucht, warum er einen «gütigen und gerechten» Gott anbeten soll, der Menschen bestraft, obwohl sie mit guten Absichten handeln, respektive aufrichtig bestrebt sind, ein rechtschaffenes Leben zu führen.

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