Aus dem Totenreich zurückgekehrt

(Artikel aus der "Luzerner Zeitung" vom 29. Juli 2022 von Andreas Faessler)

Jesus erweckt Lazarus zum Leben – Hochaltarblatt in der Klosterkirche von Seedorf UR, gemalt von Denys Calvaert
Jesus erweckt Lazarus zum Leben – Hochaltarblatt in der Klosterkirche von Seedorf UR, gemalt von Denys Calvaert

Die sogenannte Auferweckung des Lazarus gehört zu den besonders symbolträchtigen Erzählungen des Neuen Testaments: Als Letztes von sieben im Johannesevangelium beschriebenen Wundern Jesu handelt sie von der Rückkehr eines Toten ins Leben. Johannes berichtet über Lazarus von Bethanien. Er und seine beiden Schwestern Maria und Marta gehörten zum engeren Umfeld Jesu. Lazarus lag todkrank darnieder. Maria und Marta schickten eine Nachricht an Jesus, welcher eben in der Nähe des Sees Genezareth weilte, er möge kommen und Lazarus heilen.


Als Jesus Tage später endlich in Bethanien eintraf, fand er eine grosse Menge Trauernder vor – Lazarus lag bereits seit vier Tagen im Grab, die Verwesung seiner Leiche hatte schon eingesetzt. Jesus wies an, dass der grosse Stein weggehoben und Lazarus’ Grab geöffnet werde. Dann rief Jesus hinein: «Lazarus, komm heraus!» Der Verblichene erhob sich mitsamt Leichentüchern und verliess neu beseelt sein Grab. Viele der Herangeeilten waren ergriffen und glaubten fortan an Jesus.


Die Auferweckung des Lazarus läutet gemäss Bibelexegese die Passion Christi ein, da sich dieses siebte Wunder nach Johannes als letztes grosses Zeichen Jesu ereignet, ehe in Jerusalem der Beschluss zu dessen Tötung fällt. Manche Auslegung nennt die Auferweckung gar als ausschlaggebend für den Kreuzigungsentscheid. So wird das Lazarus-Wunder auch als Vorsehung auf die Auferstehung Jesu gedeutet – beides ereignet sich durch das Wirken Gottvaters.


Von einer anderen Figur mit demselben Namen ist die Rede im Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lukasevangelium). Der Bettler Lazarus war an Lepra erkrankt, der Reiche jedoch hatte nur Verachtung für Lazarus übrig. Letzterer landete nach seinem Tod in Abrahams Schoss, der geizige Reiche hingegen im Hades.

Der Ursprung der Lazariter


Um 370 nach Christus haben armenische Mönche vor Jerusalem ein Leprahaus eingerichtet, welches Lazarus geweiht war. Die Spitalgründer bezogen vermutlich mit Lazarus von Bethanien und dem Leprakranken aus dem Gleichnis beide Geschichtspunkte in ihr Wirken mit ein. Im 12. Jahrhundert ist aus der bisher monastischen Spitalgemeinschaft der Ritterorden des Heiligen Lazarus gegründet worden. Er widmete sich neben seinen militärischen Tätigkeiten vor allem der Pflege Leprakranker. Aus dieser Urmission des Ordens ist der bis heute gebräuchliche Begriff «Lazarett» hervorgegangen.


Eine der ältesten Ordensgründungen der Lazariter – und eine der wenigen des Abendlandes – ist Seedorf im Kanton Uri, sie dürfte in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurückreichen. Das Kloster bestand aus einem Brüder- und einem Schwesternhaus. Als sich die Lepra im ausgehenden Mittelalter allmählich zurückzog, verlor die Betreuung Aussätziger an Bedeutung. Das Brüderhaus wurde bereits 1413 aufgelassen, ein Jahrhundert später erlagen die wenigen verbliebenen Nonnen der Pest. Mit dem Tod der letzten Äbtissin um 1526 wurde das Kloster in Seedorf aufgehoben. Doch bereits 1559 bezogen Benediktinerinnen aus Claro in der Leventina die Gebäude in Seedorf und belebten das Urner Kloster neu, das Patrozinium behielten sie bei. Der bestehende Baukomplex war marod geworden, worauf in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts das heutige Kloster St.Lazarus entstand, in dem gegenwärtig zehn Ordensfrauen nach der Mönchsregel des heiligen Benedikt leben.

Dem Heiligen Lazarus kann man in Seedorf auf eindrückliche Weise begegnen: in Form einer prächtigen Darstellung am Hochaltar der im Jahre 1700 geweihten hochbarocken Klosterkirche. Das Renaissance-Ölgemälde mit der Lazarus-Auferweckungsszene stammt vom Altar der Vorgängerkirche und hat hier seinen neuen Platz gefunden. Urheber des 1598 entstandenen Blattes ist kein Geringerer als der flämischstämmige Maler Denys Calvaert (1540–1619), welcher hauptsächlich in Bologna und Rom tätig war und den Übernamen «Il Fiammingo» trug. Gestiftet hatte das Gemälde Jakob Arnold, Hauptmann der päpstlichen Garde in Bologna und Bruder der ersten Seedorfer Benediktiner-Äbtissin. Arnold hat sich von Calvaert im Gemälde porträtieren lassen in Gestalt des bärtigen Herrn mit Halskrause am linken Bildrand, der mit seinem Finger Richtung Jesus zeigt.


Als Heiliger und Kirchenpatron geniesst Lazarus in unseren Breitengraden heutzutage nur noch wenig Popularität, denn als Schutzherr der Aussätzigen und Leprosenhäuser hat er kaum mehr etwas zu tun. Wenn, dann eher als Patron der Totengräber und Metzger. Man begegnet Lazarus vor allem in der Kunst und demzufolge in Museen und Kirchen, denn wie Denys Calvaert haben zahlreiche alte Meister der bildenden Kunst das Lazarus-Thema aufgegriffen.

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